Neuer Anbieter auf Schweizer Schienen: Mit dem Nachtzug nach Brüssel zu einem Preis, der die Reiserechnung verändert
Ab 9. September verbindet European Sleeper Brüssel und Mailand dreimal pro Woche mit mehreren Halten in der Schweiz. Hinter den Einstiegspreisen steht eine grössere Frage: Wie viel Wettbewerb verträgt eines der am besten koordinierten Bahnsysteme Europas?

Ein neuer Nachtzug für die Schweiz
Die Schweizer Bahn steht für einen dichten Takt, abgestimmte Anschlüsse und ein Tarifsystem, in dem Reisende fast ohne Planung von einer Region in die nächste gelangen. Nun kommt ein weiterer Faktor hinzu: mehr internationale Konkurrenz.
European Sleeper nimmt am 9. September 2026 eine direkte Nachtverbindung zwischen Brüssel und Mailand auf. Der Zug fährt über Köln und die Schweiz. Für Reisende ist das zunächst eine neue Linie. Für den Markt ist es eines der deutlichsten jüngeren Signale, dass private internationale Anbieter auf Schweizer Schienen sichtbarer werden könnten.
In der Schweiz einschlafen, in Brüssel aufwachen
Gemäss dem offiziellen Fahrplan verkehrt die Verbindung dreimal pro Woche in beide Richtungen. Von Brüssel nach Mailand fährt der Zug in der Nacht von Montag, Donnerstag und Samstag. Die Rückfahrten ab Mailand finden am Mittwoch, Freitag und Sonntag statt.
In der Schweiz sind zunächst Halte in Zürich, Arth Goldau, Göschenen, Bellinzona und Lugano vorgesehen. Danach geht es über Chiasso und Como nach Milano Porta Garibaldi. Auch SNCB International bestätigt den Start am 9. September und den Rhythmus von drei Verbindungen pro Woche.
Für Reisen ab Mitte Dezember ist der aktualisierte Fahrplan entscheidend. European Sleeper weist darauf hin, dass der Zug ab 14. Dezember in Aarau statt in Zürich halten soll. Reisende sollten deshalb vor der Buchung immer Datum, Station und aktuellen Fahrplan prüfen.
Der Preis verändert die Rechnung

Besonders viel Aufmerksamkeit erhält der Einstiegspreis. European Sleeper bewirbt Plätze in einem geteilten Classic Abteil ab 49,99 Euro pro Person und Richtung. Der Betrag hängt von Strecke, Reisedatum und Verfügbarkeit ab. Zusätzlich gibt es günstigere Budget Plätze und komfortablere Schlafoptionen. Ein privates Classic Abteil wird auf der Strecke ab 179,99 Euro angeboten.
Beim von der Schweizerischen Nationalbank am 4. September veröffentlichten Referenzkurs von 0,9401 Franken je Euro entsprechen 49,99 Euro rund 47 Franken. Das ist eine Momentaufnahme, keine feste Schweizer Tarifangabe. Wechselkurs, Buchungsdatum und konkrete Verbindung können den Endpreis verändern.
Der Vergleich mit dem Flugzeug greift zudem zu kurz, wenn nur die Ticketpreise nebeneinandergestellt werden. Wer abends einsteigt und morgens im Stadtzentrum ankommt, kann eine Hotelnacht sowie Wege und Wartezeiten am Flughafen einsparen. Der Nachtzug verkauft deshalb nicht nur Transport, sondern eine andere Nutzung von Zeit.
Mehr als eine neue Linie: ein Test für den Markt

Für GlobalTalent24 beginnt der wirtschaftlich spannendere Teil dort, wo die touristische Attraktion endet. Private Betreiber suchen eine Nische zwischen Staatsbahnen, Billigfluggesellschaften und dem Auto. Ihr Angebot muss nicht auf jeder Strecke das billigste oder schnellste sein. Es kann überzeugen, wenn Reisezeit teilweise zu Schlafzeit wird und der Ankunftsort direkt im Zentrum liegt.
Der Start von European Sleeper bedeutet allerdings nicht, dass die in den Bilateralen III vorgesehene Marktöffnung bereits gilt. Die Verbindung kommt unter dem heutigen Rechtsrahmen zustande. Sie zeigt aber, wie Angebote aussehen könnten, die in einem offeneren europäischen Bahnmarkt häufiger werden.
Bilaterale III: kontrollierte Öffnung statt freie Fahrt
Im aktualisierten Landverkehrsabkommen der Bilateralen III ist eine kontrollierte Öffnung des internationalen Schienenpersonenverkehrs vorgesehen. Bahnunternehmen aus der EU sollen grenzüberschreitende Verbindungen in die Schweiz künftig selbstständig anbieten können. Schweizer Unternehmen sollen im Gegenzug dieselbe Möglichkeit im EU Raum erhalten.
Bern verbindet diese Öffnung mit klaren Schutzregeln. Auf Schweizer Streckenabschnitten müssen ausländische Betreiber die hiesigen Lohn und Arbeitsbedingungen einhalten. Neue Verbindungen sind nur möglich, wenn Trassen verfügbar sind. Der nationale Taktverkehr und der Güterverkehr behalten Vorrang. Falls ein internationaler Zug auch Fahrgäste zwischen Schweizer Stationen befördert, kann der Betreiber zur Teilnahme am Schweizer Tarifsystem verpflichtet werden. Dazu gehört etwa die Anerkennung von Generalabonnement und Halbtax.
Das ist keine vollständige Liberalisierung. Die Schweiz will zusätzliche Angebote zulassen, ohne die Koordination zu schwächen, die den öffentlichen Verkehr erfolgreich macht. Auch bestehende Kooperationen von SBB mit DB, SNCF oder Trenitalia sollen weiterhin möglich bleiben.
Was sich für SBB und Reisende ändern könnte
Der Bundesrat überwies das Gesamtpaket Schweiz EU am 13. März 2026 an das Parlament. Am 4. September schloss die Aussenpolitische Kommission des Ständerates ihre Vorberatung des Stabilisierungsteils ab und unterstützte den zentralen Bundesbeschluss mit 9 zu 3 Stimmen bei einer Enthaltung. Das Geschäft 26.023 soll in der Herbstsession im Ständerat behandelt werden. Der endgültige institutionelle Rahmen ist damit noch nicht in Kraft.
Sollte die Öffnung umgesetzt werden, könnten Reisende von mehr direkten internationalen Verbindungen, grösserer Auswahl und zusätzlichem Druck auf Preis und Service profitieren. Für SBB und ihre Partner entsteht eine neue Form des Wettbewerbs. Für den Staat wird die Aufgabe anspruchsvoller: Er muss Zugang ermöglichen und zugleich Taktfahrplan, Sozialstandards, Tarifverbund und Güterverkehr schützen.
Rund 47 Franken sind nur der Anfang
Die Schlagzeile über Brüssel für rund 47 Franken ist stark, aber sie erzählt nur den ersten Teil. Wichtiger ist, dass ein weiterer internationaler Betreiber regelmässig durch die Schweiz fährt, während das Land über Regeln für künftige Markteintritte entscheidet.
European Sleeper ist deshalb mehr als ein neuer Nachtzug. Die Verbindung zeigt, wie die nächste Phase des europäischen Bahnverkehrs aussehen könnte: mehr direkte Angebote, mehr Wettbewerb und eine neue Rechnung, in der Ticket, Hotel und Reisezeit zusammen betrachtet werden.
Hinweis zu den Bildern: Die in diesem Beitrag verwendeten Illustrationen wurden mit künstlicher Intelligenz erstellt. Sie dienen der Veranschaulichung und zeigen weder einen bestimmten Zug noch eine reale Reisesituation.
Offizielle Quellen
European Sleeper: Strecke Mailand nach Brüssel, Preise und Komfortklassen
European Sleeper: offizieller Fahrplan 2026
SNCB International: European Sleeper nach Zürich und Mailand
Bundesamt für Verkehr: Faktenblatt Landverkehr
EDA: Inhalt des Pakets Schweiz EU
Schweizer Parlament: Geschäft 26.023 Bilaterale III


