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Schweizer Gletscher verschwinden: Die Schmelze verändert die Alpen

Seit dem Jahr 2000 hat die Schweiz rund 30 Kubikkilometer Gletschereis verloren. Im Jahr 2026 könnten weitere 20 bis 30 kleine Gletscher vollständig verschwinden. Die Folgen sind bereits bei Wasserversorgung, Sicherheit, Infrastruktur und Tourismus spürbar.

Schweizer Gletscher verschwinden: Die Schmelze verändert die Alpen

Recherche und Analyse: Team GlobalTalent24.

Seit dem Jahr 2000 hat die Schweiz rund 30 Kubikkilometer Gletschereis verloren. Im Jahr 2026 könnten weitere 20 bis 30 kleine Gletscher vollständig verschwinden. Die Folgen sind bereits bei Wasserversorgung, Sicherheit, Infrastruktur und Tourismus spürbar.

Die Schweizer Gletscher erleben eine weitere kritische Schmelzsaison. Nach Einschätzung des Glaziologen Matthias Huss, Direktor des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS, könnte das verbliebene Eis von etwa 20 bis 30 kleinen Gletschern im Jahr 2026 vollständig verschwinden.

Der Druck setzte ungewöhnlich früh ein. Bereits am 29. Juni waren die winterlichen Schneereserven aufgebraucht. An diesem Datum wurde der sogenannte Gletscherschwundtag, auf Englisch Glacier Loss Day, erreicht. Von diesem Zeitpunkt an verringert jede weitere Schmelze direkt das alte Gletschereis. Am Griesgletscher im Wallis wurde im Gletscherjahr 2024/25 lokal eine Abnahme der Eisdicke um rund sechs Meter gemessen. Dieser Wert bezieht sich nicht auf den Sommer 2026, zeigt aber deutlich das Tempo der Veränderung.

Ein Viertel des Eises verschwand in zehn Jahren

Laut dem GLAMOS-Jahresbericht 2025 verfügte die Schweiz Ende 2025 noch über rund 45,1 Kubikkilometer Gletschereis. Das waren etwa 30 Kubikkilometer weniger als im Jahr 2000. Die Gletscherfläche sank auf ungefähr 755 Quadratkilometer, ein Rückgang von rund 30 Prozent.

Noch wichtiger als die Gesamtsumme ist die Beschleunigung. Im Jahrzehnt bis zum Jahr 2000 gingen etwa 10 Prozent des damaligen Eisvolumens verloren. Von 2000 bis 2010 waren es 14 Prozent, von 2010 bis 2020 rund 17 Prozent und zwischen 2015 und 2025 sogar 24 Prozent. Allein 2025 brachte einen weiteren Verlust von drei Prozent beziehungsweise rund 1,4 Kubikkilometern Eis.

Besonders dramatisch waren die Jahre 2022 und 2023. Innerhalb von nur zwei Jahren verschwanden rund zehn Prozent des gesamten Volumens. Die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz stellte fest, dass in dieser kurzen Zeit ungefähr so viel Eis verloren ging wie in den drei Jahrzehnten zwischen 1960 und 1990. Mehr als tausend kleine Gletscher sind bereits verschwunden.

Weniger Eis bedeutet einen anderen Wasserhaushalt

Gletscher sind nicht nur Teil der Landschaft. Sie sind natürliche Speicher, die Niederschlag über lange Zeiträume festhalten und in warmen, trockenen Monaten Wasser abgeben. Das Nationale Zentrum für Klimadienstleistungen NCCS weist darauf hin, dass Gletscherwasser im Sommer wesentlich zum Abfluss grosser Alpenflüsse beiträgt, darunter die Quellgebiete von Rhein und Rhone.

Darin liegt ein gefährliches Paradox: Eine intensive Schmelze liefert vorübergehend mehr Wasser, aber nur solange genügend Eis vorhanden ist. GLAMOS geht davon aus, dass der Höchststand der Schmelzwassermenge, die Schweizer Gletscher liefern können, wahrscheinlich bereits überschritten ist. Mit schrumpfenden Eisreserven steht in künftigen Dürreperioden weniger zusätzliches Wasser für Wasserkraft, Landwirtschaft, Ökosysteme und Verkehr zur Verfügung.

Der Rückzug eines Schweizer Gletschers legt Felsen und einen neuen Gletschersee in den Alpen frei.

Die Berge verlieren ihren gefrorenen Kitt

Der Gletscherrückzug legt Felsen frei, die jahrhundertelang unter Eis lagen. Gleichzeitig taut dauerhaft gefrorener Boden auf, der international als Permafrost bezeichnet wird. Dieses Gemisch aus Fels, Boden und Eis wirkt im Hochgebirge wie ein natürlicher Kitt. Wird es wärmer und instabiler, steigt die Gefahr von Erosion, Rutschungen und Felsstürzen.

Die Folgen betreffen nicht nur Wanderwege. Seilbahnstationen, Berghütten, Strassen und Schutzbauten können auf Untergrund stehen, dessen physikalische Eigenschaften sich verändern. Als eindringliche Warnung verweist die Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung auf die Fels- und Eislawine, die 2025 das Dorf Blatten im Lötschental verschüttete. Als Kryosphäre wird der gefrorene Teil des Erdsystems bezeichnet.

Die Nullgradgrenze steigt über die Gipfel

Im Gebirge entscheiden wenige Grad darüber, ob Niederschlag als Schnee oder Regen fällt. Während der Hitzewelle im August 2025 lag die Nullgrad-Isotherme, also die Höhe mit einer Lufttemperatur von 0 °C, zeitweise über 5.000 Metern. Da die Dufourspitze, der höchste Gipfel der Schweiz, 4.634 Meter hoch ist, lagen damals praktisch alle Schweizer Gipfel in einer Zone mit positiver Lufttemperatur.

Der Rückzug eines Schweizer Gletschers legt Felsen und einen neuen Gletschersee in den Alpen frei.

Wie viel Eis kann bis 2100 bleiben?

Die Wissenschaft fragt nicht mehr, ob sich die Schweizer Gletscher weiter zurückziehen, sondern wie viel von ihnen übrig bleibt. Die NCCS-Szenarien zeigen einen grossen Unterschied: Bei konsequentem Klimaschutz könnten bis zum Ende des Jahrhunderts rund 37 Prozent des Eisvolumens von 2017 erhalten bleiben. Ohne wirksame Begrenzung der Erwärmung wären es nur etwa fünf Prozent.

Ein Teil des Verlusts ist nicht mehr vermeidbar, doch sein endgültiges Ausmass steht noch nicht fest. Der Unterschied zwischen fünf und 37 Prozent bedeutet einen Unterschied bei Wasserverfügbarkeit, Kosten für den Infrastrukturschutz, touristischem Angebot und Erscheinungsbild ganzer Täler.

Die Schweiz zeichnet ihre Landschaft neu

Wo früher Eis lag, bleiben heute blanker Fels, instabile Hänge und neue Seen zurück. Wanderwege und Zustiege zu Berghütten verändern sich. Die vertraute Bildsprache der Alpen wird langsam zu einem historischen Dokument.

Die Schweiz wird nicht ohne Alpen bleiben, doch sie werden anders aussehen und anders funktionieren. Der Gletscherschwund ist deshalb nicht nur ein Klima- oder Landschaftsthema. Er verändert schrittweise Wasser, Sicherheit, Wirtschaft und die Identität eines Landes.

Dieser Beitrag ist Teil der Recherche des GlobalTalent24-Teams, das Entwicklungen verfolgt, die Leben, Arbeit und Mobilität in Europa prägen. Wenn Sie über eine Karriere in der Schweiz, Deutschland, Österreich oder Spanien nachdenken, registrieren Sie sich kostenlos bei GlobalTalent24.

Quellen und weiterführende Informationen

GLAMOS: Jahresbilanz der Schweizer Gletscher 2024/25 · ETH Zürich: Winterliche Schneereserven am 29. Juni 2026 aufgebraucht · SWI Swissinfo: 20 bis 30 Gletscher könnten 2026 verschwinden · Akademie der Naturwissenschaften Schweiz: Bilanz 2025 und Nullgradgrenze über 5.000 Metern · Nationales Zentrum für Klimadienstleistungen: Schnee, Gletscher, Wasser und Szenarien bis 2100

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